Entstehung und Konzept der Ausbildung „Absturzsicherung & Einfaches Retten aus Höhen und Tiefen“

Die Anfänge in Rheinhausen

Im Jahr 2009 erfolgte die Beschaffung des ersten Gerätesatzes Absturzsicherung nach DIN 14800-17 (seit 2007 genormt) und eines Auf- und Abseilgerätes Typ Rollgliss. Zwei Kameraden besuchten parallel einen dreitägigen Grundkurs Absturzsicherung im Hochwerk Marbach der Firma Bornack. Durch sie wurde in der Folge feuerwehrintern eine erste Gruppe von 10 Kameraden in der Absturzsicherung und Einfachen Rettung aus Höhen und Tiefen (ERHT) ausgebildet. Das praxisorientierte Training folgte an verschiedenen Objekten im Gemeindegebiet wie z.B. Baukränen und Siloanlagen.

Weitere Feuerwehrangehörige nahmen ab 2013 an den Kreislehrgängen teil. Auf örtlicher Ebene konnten die dabei erlangten Kenntnisse u.a. bei Einsätzen wegen Blitzeinschlag bzw. zur Unterstützung des Rettungsdienstes (siehe auch Brandhilfe 03/2020) angewendet werden.

Bedarf für überörtliche Lehrgänge

In den folgenden Jahren wurde durch die Landesfeuerwehrschule die Standardisierung der Taktik und Ausbildung zu den Gerätesätzen Absturzsicherung und Auf- und Abseilgerät (DIN 14800-16) auf Basis der Empfehlungen von AGBF und EUSR betrieben. Ergebnis waren die zuletzt 2020 aktualisierten Lernunterlagen Absturzsicherung und Einfache Rettung aus Höhen und Tiefen. Gleichzeitig gab es auf Landkreisebene ungedeckten Ausbildungsbedarf für die vermehrt beschafften Gerätesätze. Der damalige KBM beauftragte deshalb die Feuerwehr Rheinhausen mit der Konzeption und Durchführung eines neuen Kreislehrgangs.

Hierfür wurden zusätzlich zu den beiden vorhandenen Multiplikatoren drei weitere Kreisausbilder durch Besuch des Grundkurses Absturzsicherung und des zweitägigen Aufbaukurses Einfache Rettung aus Höhen und Tiefen im Hochwerk Marbach qualifiziert. Zwei Kameraden absolvierten außerdem den fünftägigen Lehrgang „Technischer Ausbilder für Absturzsicherung und Einfache Rettung aus Höhen und Tiefen“ an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal.

Zur Fortbildung trainiert das Ausbilderteam in loser Folge auch an herausfordernden Objekten wie z.B. Achterbahnen im nahen Europapark, Parabolantennen der BND Außenstelle Rheinhausen oder einem Turmdrehkran.

Das Konzept der Kreislehrgänge

Den ersten landkreisweiten Lehrgang „Absturzsicherung und Einfache Rettung aus Höhen und Tiefen“ führte die Feuerwehr Rheinhausen 2013 durch. Aus verschiedenen Gründen sollte der Lehrgang an einem Wochenende absolviert werden. Er umfasst deshalb 18 intensive Unterrichtseinheiten von Donnerstagabend bis Samstagabend. Für einen maximalen Lernerfolg ist die Teilnehmeranzahl auf maximal 14 begrenzt. Diese werden in zwei parallel übende Gruppen eingeteilt, die von jeweils zwei Ausbildern betreut werden.

Der Theorieteil am Donnerstagabend ist bewusst sehr kurz gehalten. Die Themen Anschlagpunkte, Knotenkunde, Aufbau Standplatz, Sicherungskette, Anlegen Auffanggurt, Einbinden ins Seil und Selbsthilfe folgen in praktischen Unterrichtsgesprächen in den beiden Kleingruppen. Am Freitagabend wird eine hintersicherte Selbstrettungsübung von einem 8 m hohen Silo durchgeführt und der waagrechte Vorstieg an einer Brücke geübt. Am Samstag folgt jeweils halbtags der senkrechte Vorstieg und das Zurückführen einer Person an einem Baukran sowie einfache Szenarien der ERHT wie z.B. die Fassadenrettung an einem Gerüst.

Um die Empfehlungen der Landesfeuerwehrschule mit 24 Unterrichtseinheiten für die Absturzsicherung und 12 Unterrichtseinheiten für die Einfache Rettung aus Höhen und Tiefen zu erfüllen wird ab 2021 ein zweiter Lehrgangsteil im Umfang von ebenfalls 18 Unterrichtseinheiten angeboten. Die Schwerpunkte liegen dabei auf einer Vertiefung der ERHT im Bereich Schachtrettung, Umgang mit der Schleifkorbtrage und Schräghangrettung sowie der Zusammenarbeit mit einer DLK (Toprope-Sicherung auf Dächern und Fensterrettung). Damit wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass die acht DLK im Landkreis nach der neuen AAO bei wesentlich mehr Einsatzstichworten als bisher initial zur Überlandhilfe mitalarmiert werden.

Das Konzept mit zwei gleich langen Wochenendlehrgängen stellte sich bei einer Analyse verschiedener Varianten als die sinnvollste Option für den Landkreis Emmendingen heraus. 2013 bis 2020 wurden in insgesamt neun Lehrgängen über 120 Einsatzkräfte der 25 Feuerwehren im Landkreis Emmendingen sowie einige Feuerwehrangehörige aus angrenzenden Landkreisen ausgebildet.

Tatkräftig unterstützt wird das Ausbilderteam durch die Firma Brüderle Kunststofftechnik deren Siloanlage genutzt werden darf, den THW Ortsverband Emmendingen der regelmäßig sein Einsatzgerüstsystem aufbaut und wechselnde Baufirmen die ihre Kräne zur Verfügung stellen.

Zusätzliche ERHT Praxistage

Als Ergänzung des Kreislehrgangs und um einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch der Absolventen anzuregen veranstaltet die Feuerwehr Rheinhausen seit 2015 meist jährlich so genannte ERHT Praxistage. Der erste Praxistag umfasste verschiedene Objekte im Rheinhausener Gemeindegebiet. Danach folgte die Aufbereitungsanlage eines Kieswerkes sowie mit Unterstützung der Feuerwehr Freiamt der 30 m hohe Hühnersedelturm. 2019 war der ERHT Praxistag auf Einladung der dortigen Werkfeuerwehr zu Gast im Zentrum für Psychatrie Emmendingen.

Das Konzept sieht eine Stationsausbildung mit etwa vier vorgegebenen Einsatzlagen vor, die durch die in feste Gruppen eingeteilten Teilnehmer eigenständig abgearbeitet werden müssen. Die betreuenden Kreisausbilder intervenieren nur bei sicherheitsrelevanten Fehlern und zeigen in der anschließenden Manöverkritik Verbesserungspotentiale auf.

Das verwendete Material

Das TLF 16/25 und das LF-KatS führen jeweils einen Gerätesatz Absturzsicherung nach aktuell gültiger DIN 14800-17 mit. Das TLF hat außerdem einen Gerätesatz Auf- und Abseilgerät nach DIN 14800-16 in Form eines Flaschenzuges und eine Schleifkorbtrage aus Kunststoff mit Tragenaufhängung an Bord. Basierend auf praktischen Erfahrungen wurden die genormten Gerätesätze um Bergsteigerhelme, scharfkantengeschützte Anschlagmittel, 30 m Reepschnur mit Einzelrolle und diversen Kantenschutz ergänzt.

Bei der Beschaffung des Geräteanhängers Wasserrettung in 2020 war auch Seiltechnik u.a. für den Liegendtransport über steile Uferböschungen zu definieren. Dabei sollten die DLRG Standardverfahren „Sichern an Kanten und Schrägen“, „Abseilen ins Wasser“, „Vertikalrettung“ (unbegleitet), „Schräghangrettung“ und „Flachseilbrücke“ abgedeckt werden.

Da dies mit den genormten Gerätesätzen nur eingeschränkt möglich ist, gehören zwei knotenlose Gerätesätze mit jeweils 60 m Statikseil Typ A und Bandfalldämpfer als dynamischem Schutz zur Beladung. Dank Abseilgerät „CMC Clutch“ mit hohem Rollenwirkungsgrad ist das Anheben einer Person im (redundanten) Doppelseilverfahren mit jeweils einer Klemme und Rolle möglich. Ergänzt werden sie durch eine flexible Tragenaufhängung, 60 m schwimmfähiges Statikseil Typ B, 60 m Wurfleine mit Wurfsack sowie ein „Modul Anschlagpunkt“ mit 20 m Statikseil, Riggingplatte und scharfkantengeschützten Anschlagmitteln. Ein Rucksack enthält u.a. Einzel- und Doppelrollen, Kantenschutz und einen „Aztek“ Flaschenzug.

Als PSA werden vier Auffang-, Sitz- und Haltegurte mit doppeltem längenverstellbarem Verbindungsmittel sowie ein Auffanggurt in Kindergröße mitgeführt. Die Korbtrage „Ferno 2070T“ aus Stahl mit abgeschrägtem Beinteil und Netzbespannung ist mit über 1000 kg belastbar. Ein bereits vorhandenes, durch die Firma Brüderle Kunststofftechnik gespendetes Dreibein „Bornack D1000“ konnte ebenfalls verlastet werden. Das Konzept folgt dem Trend zu fehlertoleranten knotenlosen Systemen nach DGUV Regel 112-198 und 112-199 auch im Feuerwehreinsatz.

[Bilder von Florian von unserem Fototermin beim BND]